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Kulturverein  »  Die Stiefelgasse

1696 erlaubte Fürst Paul Esterhazy (1652-1713) die Errichtung von 32 Kleinhäusern an "unterschiedlichen Orten" innerhalb der Marktmauern. Damals entstand die "Stiefelgasse" nahe dem "Ruster Tor" mit 18 "Klein-oder Neuhäuslern". Der Name der Gasse hängt mit ihrem winkeligen Verlauf zusammen - mit einiger Phantasie kann man Schuh, Absatz und Schaft unterscheiden.

So wie die Häuser der Lehenbauern im Ort, stehen auch die Kleinhäuser eng aneinandergereiht, da die Zeit damals noch unsicher und kriegerisch war und die Baufläche im Ort knapp. Brach aber ein Feuer aus, so waren die Folgen verheerend, denn die Schilfdächer brannten wie Zunder. Neben den 18 Häusern in der Stiefelgasse wurden 9 Kleinhäuser beim "Brucker Tor", 3 beim "Türken-Tor" und 2 beim "Ruster-Tor " an die innere Marktmauer gebaut.

Ein solches Kleinhaus umfaßte, wie der Name schon sagt, eine kleine Küche und eine Stube, eine Kammer, einen Keller, einen Stall und darüberliegend einen Heuboden. Der Hof war ziemlich schmal. Das Kleinhaus bot Raum für eine Familie samt den Kindern. Die Erbauer und Besitzer, meist ehemalige Inwohner, auch "Holden" genannt, fütterten im Stall eine Kuh oder Ziege und ein Schwein. Meist besaßen sie ein oder zwei Überlandweingärten, die sie bewirtschafteten und wovon sie recht und schlecht leben konnten. Nebenbei gingen sie noch in den Taglohn. Nach drei Freijahren, also 1699, wurden die "Neuhäusler" der Grundherrschaft dienstbar und es waren 5 Gulden Kontraktgeld im Jahr zu bezahlen.

1702, also knapp vor Beginn des Kuruzzenkrieges (1703 - 1712), gestattete der Fürst den Bau von weiteren 32 Kleinhäusern, "außer des Markts gegen den See hin" - sie stehen in der heutigen "Unteren Bahngasse". Die Gasse wird im Volksmund auch "Bodentürlgasse" genannt, weil der Bodeneinstieg wegen der Enge des Hausplatzes von der Gassenseite her über eine Leiter erfolgte. Auch diese Häuser waren aus Sicherheitsgründen eng aneinandergebaut. Bei einem Feindüberfall konnten die Bewohner rasch durch das nahegelegene "Ruster-Tor" hinter den Marktmauern Schutz suchen.

Man unterschied nun "innere" und "äußere " Neuhäusler im Dorf. Das "Ruster-Tor" wurde nun auch "Kleinhäusler- oder "Häusler-Tor" genannt. Die Neuhäuser außerhalb der Marktmauer waren etwas geräumiger, vor allem der Hof war breiter angelegt. Als diese "Neuhäusler" 1705, also während des Kuruzzenkrieges, der Grundherrschaft dienstbar wurden, waren pro Haus 1 Gulden 15 Kreuzer Quartalsgeld im Vierteljahr zu bezahlen.

Im Urbar aus dem Jahre 1710 sind alle 64 "Neuhäusler" namentlich angeführt. Für die 64 Kleinhäusler wurden jährlich 320 Gulden an die Herrschaft in Eisenstadt an Hauszins abgeführt. Noch 1725 scheint dieser Betrag in den Abrechnungen der Gemeinde auf.

Die Witwen und Witwer waren begehrte Heiratspartner, wenn sie ein solches Kleinhaus hatten.

Als das Marktgericht von den 64 Neuhäuslern "Pfarr-,Wacht-und Rauchfangkehrergeld" einheben wollte, weigerten sie sich dies zu bezahlen und es kam zum Streit mit der Gemeinde, der erst im Jahre 1712 beigelegt werden konnte.

Am 2. Mai 1712 kam es im Schloß Eisenstadt, im Beisein " des wohl gestrengen Herrn Emmerich Madaross, des hochfürstlichen Palatino Güter-Präfekten und des Buchhalters, Herrn Stephan Josef Rharra " zu einer Einigung der Streitparteien über die Zahlungen der "Neuhäusler" an die Gemeinde. Demnach hatten die "Neuhäusler an Pfarrgebühren und Wachtungskosten" jährlich je 39 Kreuzer zu entrichten. Mit dem Rauchfangkehrer sollten sie sich "des Kehrens wegen in Sonderheit abfinden".

Das Marktgericht hatte während der Streitigkeiten, im Einvernehmen mit dem Rentamt in Eisenstadt, "bei den Neuhäuslern 15 Eimer Wein, jeden per 4 Gulden und 18 Eimer Wein, jeden per 4 Gulden 30 Kreuzer, zusammen also 140 Gulden " beschlagnahmt. Dieser Wein sollte nun bei der Schuldenbegleichung abgerechnet werden, der übrige Schuldenrest war in drei gleichen Jahresraten abzuführen. So schuldeten z.B. der 1712 verstorbene "Neuhäusler" Hans Pauer 3 Gulden "Wacht-und Pfarrgeld" und 42 Kreuzer "Rauchfangkehrergeld".

Ein "Neuhäusl" innerhalb der Marktmauern wurde 1698 auf 70 Gulden geschätzt. Man kennt auch die Namen der am Bau der Häuser beteiligten Handwerker. So schuldete die 1699 verstorbene Eva Elpogen dem Maurermeister Hans Roiss 6 Gulden und dem Zimmermeister Michael Wallner 3 Gulden.

1702 hinterließ der "Neuhäusler" Jacob Milner ein Haus im Wert von 140 Gulden, einen Weingarten in der "Breitmoos" um 170 Gulden, eine Kuh, ein "Nährschweindl" und einen Frischling. Unter den Hausbesitzern findet man vereinzelt Handwerker, vor allem Schuster-und Schneidermeister.

Die 1712 verstorbene Sophie Küssling hinterließ ein "Neuhäusl" im Wert von 100 Gulden, einen Weingarten in der "alten Winklerhut" um 170 Gulden, einen in den "Edelgrabern" um 100 Gulden, einen im "Osdorfer" um 102 Gulden, einen im "Saurießl" um 60 Gulden und einen öden Weingarten um 5 Gulden. Ferner einen Silberbecher, 12 Lot schwer um 9 Gulden, ein grün samtenes Mieder, ein schwarzes Mieder, einen übertragenen Weiberpelz um 10 Gulden - insgesamt also 696 Gulden. Nach Abzug der Schulden verblieben dem Witwer und den 4 Halbwaisen 495 Gulden. Diese Familie zählte zur wohlhabendsten unter den "Neuhäuslern".

Nach dem Kuruzzenkrieg, der auch Purbach in Mitleidenschaft gezogen hatte, brach die Pest aus. In Purbach trat sie im September 1713 bei den "äußeren Neuhäuslern" auf. Das erste Pestopfer war die 60 Jahre alte Christine Schüller. Schließlich erfaßte der Bader Jakob Wilt den Ernst der Lage und erkannte die Gefahr - helfen konnte aber auch er nicht.

Nach 1850 dürfte es in Purbach eine große Wohnungsnot gegeben haben. In manchen Kleinhäusern hausten bis zu 3 Familien in den engen Wohnungen. Es grassierten Infektionskrankheiten, die Kindersterblichkeit war außerordentlich groß und vor allem fand die Tuberkulose ideale Bedingungen zur Ausbreitung vor.

1852 verkaufte Paul Schüller sein Kleinhaus in der Stiefelgasse Nr. 10 und wanderte mit seiner Frau und den beiden Kindern aus.