Im Volksmund wird das Gebäude in der Bodenzeile 3 als "Kloster" oder "Bethaus" bezeichnet. Angeblich war es ein Paulinerkloster und die Mönche besorgten damals in Purbach die Seelsorge. Es soll auch einen unterirdischen Verbindungsgang, einen Fluchtweg vom "Kloster" bis zum "Kloster am Spitz" gegeben haben.Schriftliche Urkunden darüber fehlen, wie überhaupt die geschichtlichen Quellen wenig ergiebig sind. Auch in den Urbaren, den Häuserverzeichnissen, fehlen Hinweise. Sicher ist, daß der Renaissancebau, der zu den schönsten im Burgenland zählt, in der Mitte des Marktes, im ältesten Viertel Purbachs, steht. Man vermutet, daß anfangs handwerklich orientierte geistliche Bruderschaften im Haus wohnten.
Im Urbar des Jahres 1515 wird ein ödes "Frühmeßhaus" erwähnt. Damals gab es neben 79 "behausten " Gütern 18 öde. In dieser Zeit waren die Fischer in der naheliegenden Fischergasse ansässig. Der See reichte damals bis an den Dorfrand. Er war sehr tief und die haushohen Sturmwellen während eines Unwetters waren von den Fischern gefürchtet.
Der Sage nach war der Neusiedlersee von heidnischen Wassergeistern und Nixen bevölkert, die alljährlich nach Menschenopfern verlangten, um sie in die Tiefe zu ziehen. Der "Frühmesser" las täglich, zeitig in der Früh, bevor die Fischer mit den Netzen hinausfuhren, eine Messe, wofür er ein Benefizium genoß. Der Hl.Nikolaus ist nicht nur der Schutzpatron der Pfarrkirche, sondern auch der Schiffer und Fischer. Wenn die Fischer von ihrer Ausfahrt zurückkamen, reichten sie dem "Frühmesser" einen Fisch.
1550 soll der erste namentlich bekannte Purbacher Pfarrer, der Weltgeistliche Peter Schopf (Schabder) in dem "Gepäu" gewohnt haben. Er war vorher Pfarrer in Großhöflein und beherrschte neben der deutschen und lateinischen auch die kroatische Sprache. 1571 war er bereits Pfarrer in Wienerherberg und neigte dem Luthertum zu.
Im Stock des Hauses befindet sich eine Stube mit einem schönen Renaissanceportal, in der sich ein Lavabo aus Sandstein und darüber ein Holzkästchen befindet - vielleicht diente sie als Kultraum. Bereits 1551 war eine Nikolauszeche urkundlich erwähnt. Es war dies eine geistliche Zeche, die zur Pfarrkirche Purbach gehörte und dem Kirchenpatron geweiht war. Zu diesem Benefizium gehörten 3 Weingärten, die von einem Zechmeister bewirtschaftet wurden. Der jeweilige Zechmeister wurde vom Pfarrer bestellt.
Als 1556 der lutherische Pfarrer den Gottesdienst in der Kirche feierte, soll sich die klein gewordene katholische Glaubensgemeinde im "Bethaus" versammelt haben. Als das Blatt sich später wendete und die "Evangelischen" verfolgt wurden, sollen diese im "Bethaus" ihre Andachten abgehalten haben. An diese Zeit erinnert die steinerne Lutherrose oberhalb der alten Weinpresse.
1593 beschwerte sich der katholische Pfarrer Felix Grundtner, daß die Gemeinde dem Mitnachbarn Andreas Pölzl das "Frühmeßhaus" verkauft hatte, das eigentlich der katholischen Pfarre gehöre. In diesem Haus versammelten sich an den Sonntagen die evang. Glaubensbrüder, die Geschworenen und Vornehmen des Marktes und der Marktrichter selbst hielt die Predigt und las aus der Bibel vor.
Graf Nikolaus Esterhazy (1622-1645), ein großer Marienverehrer, verhalf der Gegenreformation in der Herrschaft Eisenstadt mit Hilfe der Jesuitenmission zum Durchbruch. An diese Zeit erinnert die barocke Glockenmadonna, die Patrona Hungariae, Beschützerin Ungarns, die mit dem ungarischen Könisgszepter in der linken Hand und dem Jesuskind auf dem rechten Arm über dem Eingangstor thront.
1720 erwarb Schmiedmeister Paul Scheibstock das Gebäude und richtete eine Werkstatt ein. Scheibstock war auch Kirchenvater und ließ vor dem Gebäude eine Denksäule mit dem hl. Paulus errichten, die seinen Namen trägt. Purbach war damals Sitz zahlreicher Handwerkszünfte.
Scheibstock war Zechmeister der Huf-und Wagenschmiede. Die Zechversammlungen, die mehrmals während des Jahres abgehalten wurden, fanden in seinem Haus statt. An diese Zeit erinnert ein Türspruch aus dem Jahre 1740, der in goldenen Frakurlettern im Renaissanceportal prangt:
"Hüte dich, Fluche nicht in meinem Haus
oder gehe bald zur Tür hinaus
es mögt sonst Gott im Himmelreich
beid straffen mich und dich zugleich"
An der bemalten Tür kann man den Hl Markus und den Hl. Johannes sehen. Eine Täufergruppe mit dem Hl. Johannes steht vor dem Gebäude.
Im Raum hängt ein Votivbild des Andreas Krenn, der als 12jähriger Bub von den Tataren 1647 bei Purbach gefangen und in türkische Gefangenschaft verschleppt wurde. Auf wunderbare Weise konnte er sich befreien und nach Hause zurückkehren.
1848 hatte der Meister Johann Rauchbauer seine Schmiede in dem Gebäude - gleichzeitig war er Marktrichter.
1903 richtete ein Bäckermeister eine Backstube im Hause ein und brachte 14 Kinder mit. Als 1945 zwei kinderreiche Taglöhnerfamilien einzogen, hatte der Bau schon viel von seinem ehemaligen Glanz verloren.
1963 stand das "Bethaus" fast völlig verfallen da. Der Innsbrucker Hotelier Ing. Hans Hieszmayr kaufte das desolate Gebäude und sein Bruder, Arch. DI Dr. Ernst Hieszmayr restaurierte es sachkundig und vorbildlich. Es wurde ein Luxusrestaurant und ist unter dem Namen "Nikolauszeche" bekannt.
Will man die Vorbesitzer des Hauses kennenlernen, muß man das "Purbacher Haus-Gwöhrbuch" zu Rate ziehen, das von der Eisenstädter Herrschaftsobrigkeit 1609 angelegt wurde, nachdem der Ort 1605 von den aufständischen Heiducken des Fürsten Stephan Bocskay verwüstet und niedergebrannt worden war.
1609 scheint Wolf Weninger als Hausbesitzer auf. Seine Witwe Gerdrauth heiratete 1629 Matheß Schwarz, der das Haus übernahm. Er starb 1645 an der Pest. 1651 scheinen Jacob und Agnes Grassinger als Hausbesitzer auf. Jacob Grassinger starb 1653. 1659 war Jacob Käppel Besitzer und verstarb 1662.
1672 erwarb Paul Prickler das Haus durch Tausch gegen ein anderes. 1675 kauften Martin und Maria Röhrter die Hofstatt um 80 Gulden von Paul Prickler. 1689 kauften Georg und Barbara Gängl die Hofstatt von Martin Röhrter um 60 Gulden 1697 kauften der Hufschmied Hans Scheibstock und seine Frau Margarethe die Hofstatt von Georg Gängl um 100 Gulden und richtete eine Schmiedewerkstatt ein.
Paul Scheibstock erwarb das Haus von seinem Vater nach Hinauszahlung der Erbportion in Höhe von 55 Gulden um 170 Gulden. Am 28. April 1697 heiratete er Barbara, die Tochter des verstorbenen Halblehners Martin Hudy und seiner Ehefrau Anna. 1709 und 1710 scheint in den Pfarrmatriken ein "Paul Scheuchenstock" auch "Scheichenstock" als Kirchenvater auf. 1714 und 1719 war Paul Scheibstock Ratsbürger. 1718 ließ er am Weingartenweg nach Donnerskirchen, unweit der Waldpension Hölzl-Schwarz, eine Donatisäule errichten. Sie trägt folgende Inschrift:
"Gott und dem hl Donati zu Ehren, hab ich, Paul Scheibstock und Barbara, meine Ehewirtin, diese Säulen aufrichten lassen, daß uns Gott durch die Vorbitt des Hl. Donati vor Schauer und Gefriehr, Wassergisse und schedlichen gewitter gnediglich behieten wolle. Amen. 1718".
Links neben dem Eingang des Gebäudes in der Bodenzeile erinnert eine Paulusstatue mit der Inschrift " Paul Scheibstock, 1720" an den gottesfürchtigen "Gmainschmied".
In der keramischen Abteilung des Kunstgewerbemuseum in Budapest befindet sich ein Habaner Handwaschbecken aus dem Besitz des Paul Scheibstock mit der Inschrift "Purbach am Neusiedler See S 1721", das der spätere Bischof von Kaschau von einer Purbacher Schmiedefamilie 1892 erworben und dem Museum vermacht hatte. Auf dem Aquamanile kann man das Zunftzeichen der Schmiede - Amboß, Hammer und Zange - erkennen. 1720 dürfte Scheibstock seine Frau verloren und ein 2. Mal geheiratet haben.
Im Mirakelbuch des Wallfahrtsortes Annaberg in Niederösterreich findet man folgende Eintragung: "Am 19. August 1729 berichtet Eva Scheibstockin, eine Hufschmiedin zu Purbach bei Eisenstadt, daß ihr siebenjähriges Töchterlein im Laufen hingefallen sei und sich ein spitzes Holz tief ins Auge gestossen habe. Das Kind blutete heftigst und es schien, als müsse es für immer auf dem Auge blind bleiben. Die betrübte Mutter, die allzeit eine große Verehrerin der Hl. Anna gewesen, rufet allsogleich um Hilfe auf den hl. Annaberg und durch die Vorbitt der wundertätigen Heiligen ist das Aug geheilt".
1745 scheint der Name des Hufschmieds Scheibstock in einer Kirchenrechnung auf. 1747 starb er im Alter von 70 Jahren. 1748 heiratete seine Witwe den Hufschmied Johann Georg Kern. Nach ihrem Tode heiratete Kern im nächsten Jahr die Witwe Elisabeth Huber aus Gumpendorf. Kern starb kinderlos 1780. Seine Witwe Elisabeth heiratete 1782 den Hufschmied Franz Rauchbauer. Sie starb 1785. 1786 heiratete der Witwer Maria Fridholm, die Tochter des Söllners Johann und Anna Maria Fridholm.
Sie schenkte ihm einen Sohn und starb 1790. Der Witwer heiratete im nächsten Jahr Therese, die Tochter des Halblehnern Andreas Hanikel. Franz Rauchbauer starb 1806 und hinterließ die Witwe mit 6 Kindern. Im gleichen Jahr vermählte sie sich mit dem 22-jährigen Hufschmied Josef Präntl aus Stöttera.
An diesen Schmiedemeister erinnert der Keilstein über dem Kellerabgang in der Nikolauszeche mit den Initialen " J + P 1812 ". Josef Präntl verstarb 1829. Seine Witwe übergab ihrem Sohn Johann Rauchbauer das Haus mit der Werkstatt. Er wurde 1803 geboren und heiratete am 10.2.1829 Magdalena, die Tochter des Halblehners Josephus Tieber (Dieber). Rauchbauer war 1837 und 1846 bis 1848 Marktrichter und scheint 1862 als Geschworener auf.
Man erzählt noch heute im Dorf von seinem Fleiss. Wenn er verschlafen hatte, eilte er im Nachtgewand in die Werkstatt und hämmerte auf dem Amboß, damit die Nachbarn glaubten, er sei schon an der Arbeit. Er verbot seinen Gesellen streng das Fluchen und verwies dabei auf den Türspruch aus dem Jahre 1740 im Hause. Beide Eheleute erreichten ein hohes Alter von 89 Jahren. Der Meister starb 1892, seine Frau 1895.
Sein Sohn Johann Rauchbauer wurde Kurschmied. Er verstand sich also auf die Behandlung von Pferdekrankheiten und heiratete am 5.Juni 1806 Magdalena, die Tochter des Halblehners Johann Gussmann und seiner Ehefrau Anna Maria, einer geborenen Adelsberger. Er starb 1869 im Alter von 34 Jahren. Seine Frau starb 1876 im Alter von 37 Jahren. Sie hinterließen eine Tochter und das Haus kam durch ihre Heirat in bäuerlichen Besitz. Es wurden Inwohner in das Haus aufgenommen, die es im Laufe der Zeit abwohnten. 1900 zog ein Bäckermeister in das Haus, der einen Backofen einbauen ließ.
1908 folgte ihm der Bäckermeister Gasch, der 14 Kinder aufzog. Das Haus wurde schließlich 1915 von den Besitzern verpachtet und stand 1963 völlig verfallen da.