Auszug aus dem "Gedenkbuch" des Mathias Piber
in Purbach am Neusiedler See (1830 - 1845)Im Jahre 1830 begann der Purbacher Mathias Piber mit seinen schriftlichen Aufzeichnungen. In seinem "Gedenkbuch" scheinen wenig Rechtschreibfehler auf, er drückt sich gewandt aus, die Niederschrift stellt dem Schulmeister ein gutes Zeugnis aus.
Die Beobachtungen sind knapp und nüchtern abgefaßt, gesprächiger wird Piber bei seinen Ausführungen über den Verlauf der Choleraepidemie 1831 - 1832, der Viehseuche 1835 und der verheerenden Feuersbrunst 1842.
PIBER erwähnt anfangs kurz die Jahre 1830 bis 1834 und beschreibt dann eingehender die Ereignisse, die in dieser Zeitspanne alle Dorfbewohner in Mitleidenschaft zogen.
Am 16. Mai 1830 brannte der Frost die Weingärten ab, die Triebe waren schon zwei Schuh (1 Schuh = 0,316 m) lang. Dann gab es zwei Hagelschläge, einen im Juni, den anderen im August. Piber fechsnete in diesem Jahr 30 Eimer (1 Eimer = 54,36 l, Preßburger Maß) Most und verkaufte ihn per Eimer um 5 Gulden Wiener Währung. 1832 starb seine Mutter und er übernahm das Haus, das auf 125 fl geschätzt wurde. Da auf dem Haus 200 Gulden Schulden lasteten, kam es ihm 325 fl zu stehen. Bis zum Jahre 1842 zahlte er seine Hausschulden ab. Er ließ sich um 50 fl einen neuen Branntweinkessel anfertigen, für den alten bekam er noch 13 fl. 1833 kamen neue Branntweinröhren dazu, sie kosteten 8 fl, die alten nahm der Kupferschmied um 3 fl zurück. Schon aus den ersten Notizen ersieht man, Piber war ein sparsamer Wirtschafter, der genau rechnete. 1834 wandte sich Augustin Reszler, der nach Eisenstadt zu den Barmherzigen ins Spital mußte, an Piber. In seiner Notlage bot er ihm seinen Krautgarten zum Kauf an. Piber erstand ihn um 15 fl und machte das Geld schnell flüssig.
1831 bis 1835 bezeichnete er als "Denkjahre", selbst die alten Leute in der Gemeinde konnten sich an solch "bedrängte Zeiten" nicht erinnern.
1831 bereitete sich die Cholera im Lande sehr rasch aus. Als sie in Winden grassierte, konnte kein Handel mehr betrieben werden, denn die Landstraße wurde mit einem Schranken gesperrt und eine Kontumazhütte aufgestellt. In dieser Hütte hielten sich die Panduren und der Kommissar auf. Außerdem standen die Wachtposten, alle zwanzig Schritt ein Mann, vom See angefangen bis hinein in den Wald. Die Männer waren bewaffnet mit Mistgabeln, Hacken, Rohrgabeln und Säbeln.
Nach etlichen Tagen brach die Cholera in Breitenbrunn aus. Auf Befehl des Stuhlrichters und des Kommissars kamen der Schranken und die Kontumazhütte nun auf den Purbacher Hotter, sie wurden auf der Landstraße beim Ackerlgraben aufgestellt. Die Purbacher wurden nun von der Wache abgezogen, an ihre Stelle traten Männer aus Gschieß und Stotzing. An manchen Tagen starben in Breitenbrunn bis zu 8 Einwohner.
Nach etlichen Tagen brach die Cholera in Purbach aus. Nun wanderte der Schranken und die Kontumazhütte auf den Donnerskirchner Hotter und die Wachtposten standen vom See bis zum Grünwald hinauf.
Jetzt waren die Purbacher eingesperrt und täglich starben bis zu 8 Personen, es starben ganze Häuser aus. Gab es in einem Haus einen Sterbefall, durfte niemand mehr hineingehen. Die Totenträger waren von der Gemeinde aufgenommen. Sie wohnten beim Spital in einer Kontumazhütte. Sie waren zu viert, jeder erhielt alle Tage 2 Gulden, die freie Zehrung, einen "Halben" (eine Halbe = 0,85 l) Slibowitz, Wein und Fleisch von der Gemeinde. Sie trugen ein "ganzleinernes" Gewand und faßten die Toten mit Handschuhen an.
1832 wütete die Cholera wieder, aber den Leuten kam die Lage nicht mehr so schrecklich vor, man hatte sich an die Krankheit gewöhnt. Es wurde vieles leichter, die Leute durften wieder zusammenkommen, die Begräbnisse wurden wieder so abgehalten wie eh und je und die Freunde durften die Kranken besuchen.
In den Jahren 1833 und 1834 gab es viele Feuersbrünste, fast jeden Tag brannte es.
Am 20. März 1834 brannten alle äußeren Häuser.
1835 "hat der liebe Gott die Leute mit einer anderen Rute gegeißelt". In der ganzen Gegend sprach man von der verheerenden Viehseuche, in Purbach gingen 300 Stück ein. Die großen Häuser verloren bis zu 9 Stück. Mancher Bauer wendete sehr viel an, ja alles, aber es war vergeblich. Es gab kein Mittel gegen die Seuche. (Wahrscheinlich wütete die Maul-und Klauenseuche).
1836 war wieder ein "sehr merkwürdiges" Jahr. Am 13. Mai kam eine Gefrier, als die Weinreben zwei Schuh lang gewachsen waren.
Die Kirschbäume standen schon in Blüte, als es zu schneien begann. In kurzer Zeit stand das Laub auf den Bäumen weiß da. Auf dem ganzen Hotter sah man Hasenspuren und man konnte Schneeball werfen. Es war ein sehr gutes Körndljahr, das Weinlesen fiel mittelmäßig aus. Der Weinpreis bewegte sich zwischen 9 und 10 fl. Aber schon zu Allerheiligen gab es viel Schnee und ein Schneegestöber. Viele Weingärten wurden verweht, von den Weingartenstecken, die 5 Schuh lang waren, schaute nur 1 Schuh heraus. Im ganzen Weingebirge lag der Schnee knietief.
1837 fiel der Ostermontag auf den 26. März. An diesem Tag schneite es so stark, daß man fast nicht in die Kirche gehen konnte. Im Mai gab es sehr viel Regen, jedes Wetter brachte einen Schauer, auch im Juni gab es wenige Tage, die schön und warm waren.
Am 18. Juni begann die Weinbeerblüte, fast jeden Tag gab es zwei oder mehrere Wetter. Das Korn war soweit geraten, aber der Wein war sauer und nicht sehr gut. Während der Lesezeit kauften die jüdischen Händler die Maische um 5 fl 30 kr und 5 fl 45 kr, den Wein um 6 und
7 fl. Der schönste Weizen kostete 4 fl 15 kr, das Korn 2 fl 5 kr und 2 fl 12 kr. Die Gerste und der Kukuruz waren dem Korn im Preis gleich. Ein zehnterschweres Schwein (1 Zehntner= 56 kg) kostete zwischen 20 und 23 fl.
Im Jahre 1838 war es im Frühjahr lange kalt. Schon die "Wintergfrier" hatte das Weinholz im Berg und im Tal geschädigt, die "Gfrier" im Mai machte in der Ebene starken Schaden.
Das Jahr 1839 war ein gutes Jahr, das Körndl war sehr gut geraten und die Weinlese war auch sehr gut.
Das Jahr 1840 war ein reiches Wein- und Körndljahr. Das Korn war rein, der Weizen zeigte keinen Brand. In diesem Jahr gab es sehr viel Wind. Die Qualität es Weines war nicht so schlecht, aber der Weinpreis war schlecht.
1841 war ein sehr armes Jahr. Es war sehr trocken und es gab kein Heu. Von Jänner bis Mai gab es nur einen kleinen Regen, dazu viel Wind. Am 26. Mai, zu Urbani, gab es blinde Weinber, am 25. Und 26. Juli, zu Jakob und Anna, waren viele Weinber zäh. Nach acht Tagen gab es aber einen sehr guten Regen. Mit der Frucht stand es sehr schlecht, das Körndl reifte schlecht, die Dürre und die Hitze verdarben es. Aber die Weinber wurden wieder schön. Am 26. August gab es starken Regen. In diesem Jahr wurde vor der Lesezeit das Turmkreuz samt dem Knopf mit den Seilen heruntergelassen, weil es nicht mehr fest stand. Auch der Turm wurde in diesem Jahr verputzt. Piber arbeitete damals in der Robot, als das Kreuz auf der Seite heruntergelassen wurde, wo man auf dem Turm läutete. Er löste das Seil und trug das Kreuz auf der Schulter auf die andere Seite, gegen den Platz zu. Er hatte gleich gesagt, daß es keinen Zehntner wog. Im Friedhof, neben dem Bach, liefen daraufhin viele Leute zusammen, um das Kreuz zu sehen. Hernach löste Franz Trummer das Kreuz von den Seilen und trug es in die Kirche hinein. Da standen der Herr Pfarrer, seine Mutter und der Frischmann, neben vielen Leuten.Das Kreuz wurde auf der Waage des Frischmann gewogen, es war 84 Pfund schwer. (1 Pfund = 0,56 kg). Solange der Turmverputzer arbeitete, waren täglich 6 Leute in der Robot. Im Jahre 1841 wurde der Turm bis auf den Gang verputzt.
1842 gab es schon am 8. Juni blühende Weinstöcke. Sie trugen so viele Weinbeeren, wie die alten Leute noch nie gesehen hatten. Das Jahr 1841 konnte man als armes Jahr bezeichnen, aber das Jahr 1842 war ein "merkwürdiges", ein "jammervolles und trauriges" Jahr. Am 8.Juli herrschte in der Früh zwischen 5 und 7 Uhr eine schauerliche Finsternis, am Abend ging um 7 Uhr das arme bedrängte Licht auf und der Markt brannte innerhalb von zwei Stunden nieder. Beim oberen Tor blieben das Wirtshaus und das Häusl des Paul Fizimayer stehen, beim Ödenburger Tor die Häuser des Johann Schwarz und Josef Graf, beim Breitenbrunner-oder Schlosser-Tor die Häuser des Paul Taller, Wagner-Leidl, Ludwig Schüller, Paul Steindl, Georg Brunecker und Paul Ritter. Das waren die Häuser, die vom Markt übrigblieben. Das Feuer war schrecklich anzusehen, jeder mußte in der volkreichen Gemeinde in aller Eile auswandern. Jeder konnte von seinem Haus nur das mitnehmen, was er rasch erwischte, innerhalb von 2 Stunden hatte das Feuer alles verzehrt. Auf den Gassen konnte sich niemand aufhalten, die Kirche stand in der Glut, der ganze Markt war ein Feuer. Es herrschte Not an Wasser. Sie fuhren mit der Eisenstädter Herrschaftsspritze zum See hinunter, aber außerhalb der Mauern wurden die Rösser versengt und scheuten. So mußte man ohne Wasser herauffahren. Sonst war das Jahr sehr trocken, im April gab es einen Regen, dann blieb er bis zum 12. September aus. All die Monate hindurch gab es kleine Spritzer, daß nicht einmal der Staub feucht wurde. Deshalb waren viele Weinbeeren dürr und zäh, aber trotzdem gab es eine reichliche Weinernte.Das Jahr war "merkwürdig" beim Lesen und beim Verkauf. Der Weinpreis belief sich während der Lese bei 2 fl oder in Münz, in gutem Geld, bei 48 Kreuzer. Das Lesen dauerte sehr lang, vom 20. Oktober bis zum 25. November, auf Kathrein.
1843 gab es einen sehr milden Winter, keine Kälte, keine Gfrier und nur wenig Schnee. Der Jänner war regnerisch, der Februar schön warm und trocken. An einen solchen Winter konnte sich niemand erinnern.
1844 war der Monat Jänner so kalt, daß der See zufror. Am 22. Jänner schneite und wehte es. Am 23. Jänner, zwischen 3 und 4 Uhr früh kam ein Sturmwind mit einem Gewitter. Es blitzte und donnerte. Drei Blitze schlugen in das Haus des Augustin ein und zerstörten den Rauchfang zur Hälfte.
1845 fiel die Ernte im ganzen Bezirk gut aus, besonders in Purbach.